Erlebnisse im Ärmelkanal
An Stelle eines Tagebuches mit Aufzeichnungen einzelner
Tage, Ablege- und Anlegezeiten, sowie einzelnen Windstärken
und Leuchtfeuern erhalten Sie als LeserIn mehr themenbezogene
Aussagen, die wir durchlebt haben. Nun, dieser Törn
zeichnete sich nebst liebenswürdiger Toleranz aller
TeilnemerInnen ganz besonders durch eine bemerkenswert treffsichere
Lokalwahl aus.
Auswärts Essen
Bei der Anreise im TGV mit Skipper Helmut, Captain Bye-Bye
als Skip 2 und den beiden Paaren Michaela-Valentin und Denise-Stefan
kam der kulinarische Teil eher zu kurz. Deshalb freuten wir
uns umso mehr auf die lukullischen Raffinessen der französische
Küche. Nachdem wir Adrian ebenfalls herzlich begrüsst
hatten, wurden wir ins Zentrum von Saint-Malo chauffiert.
Hinter der mächtigen Festungsmauer reihen sich Beizli
an Beizli mit Seafood vom Feinsten. Adrian und Bye-Bye konnten
es nicht lassen, gleich eine Doppelportion Seafood zu bestellen.
Es dauerte aber doch bis an das Ende des Törns, bis
wir wussten, dass die Stecknadel im Frischetüchlein
für die kleinen Schneckli gedacht waren... Adrian und
Bye versuchten sich dauernd gegenseitig zu überzeugen,
dass frischer Salat in Form von Seetang eigentlich das Beste
wäre. Trotz dieser feinen Sticheleien genossen aber
beide Schlitzohren die auflebende Freundschaft und waren äusserst
beschäftigt, die Schalentiere genussvoll aus den Umhüllungen
zu befreien.
Natürlich hatten wir anschliessend einen Mordshunger
und bei der Crêperie auf der Stadtmauer mit dem Traumblick
auf die nächtliche See planten Adi und Bye-Bye dieses
Bijou zu kaufen und nach dem Törn hier zu bleiben. Deshalb
empfanden sie auch eine Art Verpflichtung, alle wichtigsten
Crêpe-Sorten durchzukosten: flambierte, mit Bananen,
mit heisser Schokolade, nur mit Zimt, oder doch mit Konfitüre
und nochmals eine flambierte, weil es jetzt noch dunkler
war und die optische Wirkung grösser wurde.
Nun, wir haben oft gern und gut getafelt. Bereits am zweiten
Törntag, auf Guernsey, St. Peter Port, fanden wir oben
rechts im Hügel ein etwas verstecktes Traumbeizli. Apero
an der Bar und direkt vor unseren Augen bruzzelnde Steaks.
Auch in Südengland fanden wir passende und schöne
Tische, z.B. in Yarmouth auf der Isle of White, mal etwas
einfacher wie in der Bella Pasta in Weymouth, oder etwas
schwerer aufliegend beim indischen Dinner in Cowes. Auf jeden
Fall plünderten wir die Bordkasse systematisch und genossen
das gemütliche Zusammensein. Einzig Helmut war in Erinnerung
seiner Studentenzeit in England nicht von Fish and Chips
wegzukriegen. Seine Begeisterung teilte er zudem gerne mit
MitseglerInnen und wer mit Helmut unterwegs war, wäre
ein Abtrünniger gewesen, nicht zumindest Cod versucht
zu haben. Übrigens ist das Kabeljau im Teig besonders
zu empfehlen – den fettigen Teig konnte man ja gut einmal
verstecken, wenn Helmut nicht gerade hinsah...
Ablegen und Anlegen
OH LA LA !!
Unser Liebglingsspruch an Bord entstammt einer speziellen
Situation in Saint-Malo. Da legte ein Franzose in einer Box
an, verschlief ein wenig Rückwärtsschub zu geben
und knallte anschliessend mit dem Bug deftig in den Holzsteg.
Nach Abrutschen des Bugs von der Stegkante mittels Eigengewicht
und Schwerkraft meinte der Skipper ganz trocken: OH LA LA
!!
OH LA LA !! wurde so zu unserem Lieblingsspruch während
dem Törn und an Gelegenheiten für dessen Einsatz
sollte es uns nicht fehlen.
Schon beim Entgegennehmen der Feeling 39 mit Schwenkkiel
und zwei Doppelrudern am Heck meinte der übergebende
Skipper, dass das Manövrieren mit der Feeling nicht
ganz einfach sei. Nicht einfach war allerdings eine massive
Untertreibung, die Yacht war in Ihren Reaktionen unter Motor
schlicht schwer steuerbar.
Die Feeling überzeugt vom Design und von der Idee,
nach Rausziehen des Loggebers einfach so trocken zu fallen.
Natürlich macht sich das noch sehr gut mit gehobenem
Hubkiel. Das Trockenfallen haben wir leider nicht genutzt,
in der Nacht bringt das nicht so viel. Zudem hatten wir mehr
als genug Erlebnisse mit der lieben Alizé, so hiess
die Feeling 39.
Voll Vertrauen gab Helmut das Steuer für die Manöver
weiter, ganz nach dem Motto „nur wer übt kann was lernen“.
Dass er dabei stählerne Nerven bewies und kein einziges
Mal in die Speichen griff, muss schon mit einer ausgefeilten
Mediationsmethode des Bundes der Unerschütterlichen
zusammenhängen.
Erstes Ablegen in Saint-Malo. Nach dem Bunkern wollten wir
einen Probeschlag vor dem Hafen machen: Manöver üben,
Segel trimmen und wieder am gleichen Platz anlegen.
Nun, wir legen beherzt ab und die Show beginnt. Mit moderatem
Querwind treiben wir quer durch das enge Fahrwasser und bringen
die Yacht nicht rum. Weder nach Steuerbord, noch nach Backbord,
wären wir doch notfalls auch rückwärts aus
dem Fahrwasser raus. Eine leere Box ist unsere Rettung und
wir verholen, damit wir Bug voran ins Fahrwasser kommen,
aber auch das nur unter Vollgasschub und einem nicht zu veröffentlichenden
Ausruf des Steuermanns.
Vor der Hafenmole dürfen wir alle die Tücken der
Feeling geniessen, bei Bojenaufschiessern und Mann über
Bord Übungen mit dem Fender. Nicht mit Worten zu beschreiben
sind die Tücken dieser Yacht. Uns ist allerdings rein
theoretisch bald einmal klar, wo das eigentliche Problem
liegt: bei der Lenkung mit dem Doppelruder erfolgt keine
Anströmung durch den Propeller. Die einzige Lösung
sehen wir darin, die bisherige Schulung über Bord zu
werfen und beim Drehen auch bei Rückwärtsschub
das Steuerrad mitzukurbeln wie bei einem PW.
Den eigentlichen Höhepunkt praktiziert Captain Bye-Bye
am dritten Törntag in St. Helier auf Jersey. Schon beim
Anlegen sind wir glücklich im schmalen Fahrwasser so
gut reingekommen zu sein. Zu früh gefreut, denn das
Ablegen wird wieder zu einer speziellen Übung. Sorgfältig
setzen wir rückwärts, um zu verholen. Ein Marinero
springt in sein Gummiboot und bugsiert unseren Bug elegant
ins Fahrwasser. Wir truckern brav raus und uns laust der
Affe, da setzt einer voll rückwärts aus der Box.
Keine Chance, wir müssen abbremsen, rückwärts
setzen und immer hoffen, mit Fahrt im Schiff steuerbar zu
bleiben. Nachdem das Fahrwasser nach endlosen Minuten endlich
frei wird, hat uns der Wind schon auf die leeliegende Bootsreihe
hingetrieben, und wie wir mit vollem Schub vorwärts
setzen, ist die liebe Feeling an einem weit raushängenden
Motorbootbug mehr interessiert, als auf die Ruderbefehle
zu reagieren. Der Anker eines Motorbootliegers verhängt
sich an unserer Relingsstütze und unter sportlichem
Einsatz der Crew kann ein Hänger vemieden werden. Endlich
sind wir frei und tatsächlich am Auslaufen.
Der Anker des Motorschiffes schaut aber hässlich nach
oben und das sieht nun ganz und gar nicht schick aus. Wir
legen seitwärts an einem Steg an und gehen zur Hafenbehörde.
Zu Dritt. Stefan ist Anwalt. Äusserst praktisch mit
dem eigenen Anwalt bei Rammings. Eigentlich zu empfehlen,
immer mit dem eigenen Anwalt und einer guten Versicherung
zu segeln, kann man doch so die feinsten Motoryachten versenken...
Nachdem Bye-Bye den Anker auf dem Motorschiff wieder gerichtet
hat und keinen Kratzer ausmachen kann, sind wir alle erleichtert.
Dennoch gehen wir den Vorfall melden. Die Hafenbehörde
nimmt die Notiz eher lustlos auf. Das Motorboot sei sowieso
ein Dauerlieger und der Besitzer komme ohnehin nur sehr selten.
Nachdem wir unsere Pflichten vorbildlich erfüllt haben
und die Hilfe unseres Anwalts nicht ganz auszukosten brauchten,
legen wir diesmal ganz ohne Probleme ab. Kein Wunder, bei
diesem Platz wäre sogar ein Dampfer heil rausgekommen.
Ergänzendes zur Yacht
Nach eigener Einschätzung bleibt die Feststellung,
dass dieses Schiff an einer Bootsausstellung sicher gekauft
würde, allein schon dank seines bestechenden Designs
wegen. Ja, die Yacht hat tatsächlich eine wunderschöne
Linie. Auch unter Segeln verhält sich die Alizé sehr
gut. Nach diesen zwei Wochen segeln würden wir die Feeling
39 lieber nur geschenkt nehmen und dann in ein Bugstrahlruder
investieren. Auch die Rücklehne des Salonfauteuils wird
zum wackeligen Dauerproblem und kann mit dem tollen Werkzeugkoffer,
bestehend aus einem Schraubenzieher, einer rostigen Zange
und einem symbolisch kräftigen Hammer nicht richtig
fixiert werden. Der Salontisch als versenkbare Liegewiese
ist ein richtiger Messe-Gag. Länge Salontisch 1 Meter
30. Die Seeleute hatten etwa vor 300 Jahren diese Grösse.
Durch kunstvolle Polsterplazierung entsteht eine theoretische
Doppelkoje. Doch auch das Bild von der Achterkoje von Helmut
und Adrian ist eine Notiz wert. Auf dem Laptop schläft
sich's halt doch am besten, gell Adi. Wo Valentin seinen
Seesack verstaut hat, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.
Denise und Stefan schätzen das sperrige Polster im Vorschiff,
das auf den Salontisch gehört. Kurz, ein gerechtes Schiff,
kein Plätzchen ohne seine Tücken.
Zum Revier und unsere Kanalüberquerung
Der Ärmelkanal darf zu einem der anspruchsvolleren
Reviere gezählt werden. Hier ist das Leben vom Spiel
mit den Gezeiten geprägt. Nicht nur in Bezug auf Hafeneinfahrten,
sondern auch die starken Strömungen sind für eine
Törnplanung unerlässlich. Zwischen Frankreich und
der äusserst reizvollen südenglischen Küste
liegen die herben Kanalinseln. In Südengland, leicht
NNE, locken die Isle of White mit den markanten Needles am
Eingang des regattaberühmten Solents und ganz im Westen
die reizvollen Scillies. Ein Törn von zwei Wochen reicht
nicht, um alles sehen zu können. Deshalb kommen die
meisten wieder, um die Schönheiten über verschiedene
Törns verteilt zu geniessen.
Indem wir einige Nachtschläge absolvierten, hatten
wir die Tage zur freien Verfügung und konnten uns so
gemütliche Tage in Cowes, Dartmouth, Weymouth und auf
Guernsey leisten. Eine gute Taktik – in der Nacht segeln
und am Tage die Orte geniessen, vorausgesetzt die Gezeitenplanung
und das Wetter spielen mit und die Crew ist mit solchen Schlägen
einverstanden.
Am vierten Törntag setzen wir von der Insel Alderney
in Braye zum Nachtschlag über den Kanal aus. Die Fahrstrassen
der Gross-Schifffahrt müssen im rechten Winkel durchsegelt
werden und allen ist klar, dass eine interessante Nacht bevorsteht.
Adrian backt noch liebevoll zwei goldbraune Züpfen.
An dieser Stelle ist zu vermerken, dass Adrian zum ersten
Mal auf einer Yacht auf See ist, doch keiner glaubt's. Er
entwickelt von der ersten Stunde an eine solche Leidenschaft
zum Segeln und steuerte mit derart feinem Geschick, das andere
Segler nur nach vielen Seemeilen entwickeln. In dieser Nacht
allerdings sollte Adi noch staunen, welch vielfältige
Erlebnisse alle auf See lauern.
Bye-Bye übernimmt mit Denise und Valentin die Hundswache.
Der Verkehr ist gar nicht ohne und wir sind konzentriert
im Ausguck. Das Schiff läuft unter Segel sehr gut, ja
wir machen wirklich gute Fahrt! Stündlich tragen wir
unsere Positionen ein. Wir laufen hart am Wind, um das Fahrwasser
im rechten Winkel zu nehmen. So um 3 Uhr meldet Valentin,
das Steuer sei blockiert. Zudem haben wir einen Frachter
von Steuerbord, der eine stehende Peilung ergibt. Äusserst
unangenehm, diese Hektik mitten in der Nacht. Da ein Wachwechsel
schon bald ansteht, gibt Bye-Bye Denise den Auftrag, Helmut
und Adrian zu wecken. Helmut ist innert Minuten auf der Brücke.
Die 6 Bft-Böen wären zwar am Tage sicher unproblematisch
zu segeln gewesen, aber in der Nacht war nun doch ein Reff
sinnvoll.
Der brave Seglerkamerad Adi hatte sich schon beim ersten
Weckappell in seinen Anzug gezwängt. Da Helmut so schnell
an Deck war, gabs für ihn vorerst eine Entwarnung, nun
wurde er aber doch wieder gehetzt, unter dem Motto „all hands
on deck zum Reffen“. Man stellt sich vor, Adi in den schönsten
Träumen, die bei ihm sicher mit Segeln zusammenhängen.
Zuerst ein Schreckruf, er sucht die Kleider, dann Entwarnung,
ein kleines Nickerchen gefällig?, dann wieder hopp an
Deck. Nun – er stand mit dem Sicherheitsgurt bald auch an
Deck, mit einem Stiefel links und einem Bordschuh am rechten
Fuss.
Bye-Bye und Adi vorne beim Mast am Reffen. Adi hat noch
nie vorne am Mast gerefft, eine ideale Übung um 3 Uhr
morgens... Dabei leuchtet Adi Bye immer ideal aus, für
den Film, der in den Universal Studios gerade gedreht wird.
Bye-Bye erklärte Adi, dass er nun mal gar nichts sehe,
wenn er die Taschenpfunzel voll in sein Gesicht halte. Der
Frachter ist bei unseren Kapriolen schon lange ausser Sicht
und wir können nun liebevoll reffen. Einzig das Reffauge
einzufädeln ist nicht ganz ohne, aber es klappt insgesamt
prima.
Kaum ist das Reff drin, lässt der Wind typischerweise
wieder nach, aber wir lassen es eingebunden und machen dank
unserer bisherigen Hundswache unter vollen Segeln eine rasante Überfahrt
in bloss 13,5 Stunden. Das Reffen hat uns mehr als eine halbe
Stunde gekostet – aber die Yacht „gerettet“.
Die Needles, die schroffen Kalkfelsen am Eingang des Solents
sind so wunderschön im Morgenlicht, dass niemand auf
die Idee kommt, diesen einmaligen Anblick zu fotografieren.
Nun, auch eine Farbfoto kann diesen einmaligen Eindruck nach
einem Nachtschlag und diesem Gefühl der Schönheit
der Natur am Morgen früh nicht wiedergeben.
Fischen unter Segel
Auf Anhieb findet Captain Bye-Bye den Fischerladen wieder,
wo er schon vor zwei Jahren auf einem Törn ein Angelzeug
mit einem Sinker gekauft hatte. Vor zwei Jahren rauschte
die Leine trotz Belegung über Klampe und Winsch davon,
als Bye-Bye ans Ende der Spindel kam, im Vertrauen, am Ende
sei ein Knoten. Doch dem war nicht so, und die Enttäuschung
an Bord damals gross. Nachdem Bye-Bye sein Leid im Fischerladen
nach zwei Jahren wieder aufgearbeitet hat (spart den Psychiater),
besteht er diesmal darauf, die ganze Spindel abzuwickeln
und am Ende zu verknoten. Bei diesem Modell allerdings wäre
es nicht notwendig gewesen... Mit dem Fischzeug an Bord können
wir es fast nicht erwarten, wieder auszulaufen. Bereits auf
den ersten Meilen, in der Abenddämmerung zum Nachtschlag
von Weymouth nach Dartmouth, hängen wir das Angelzeug
vorsichtig achterlich. Dank einem Spezialmanöver von
Mihaiela ziehen wir ein paar Makrelen gleichzeitig an Bord.
Wie man das Manöver genau fährt, muss bei Mihaiela,
unserer Lebensphilosophin an Bord, erfragt werden. Kurse
sind direkt bei Mihaiela zu buchen, Captain Bye-Bye gibt
bei Anfragen über E-Mail gerne die Adresse bekannt,
unter dem Stichwort: eine Handvoll Makrelen mit einer Patenthalse.
Die restlichen Makrelen, d.h. für alle an Bord einen
Fisch, waren bis die Sonne an der Kimm versank gefangen,
und wurden beim Restlicht, Mann angeleint, am Achterdeck
gründlich geputzt.
Fischen auf See ist eine feine und lustige Sache. Fein,
weil es nun mal keine frischeren Fisch gibt, lustig weil
sich zuerst alle aufs Fischen freuen, bis das erste Exemplar
an Bord ist. Dann kommt aus einer Ecke jeweils die zaghafte
Frage, wer den Fisch denn putze, respektive ausnehme. Ein
wenig necken gehört dazu, z.B. mit einer Gegenfrage: „Wollen
wir sie erst gar nicht ausnehmen und gleich so zubereiten?“
Das erleichterte Aufatmen ist jeweils fast hörbar,
wenn sich der Angler opfert, den Fisch auch zu putzen, in
diesem Falle sogar selber zuzubereiten. Captain Bye-Bye hat
das Glück, dass ihm sein früh verstorbener Vater
diese Fertigkeit als junger Bursche noch beigebracht hat.
Zum Frühstück, bei der Ankunft in Dartmouth, gab
es an Bord der Alizé nicht Muesli und Konfibrot, sondern
selbst gefangenen Fisch. Dabei lernt Bye-Bye noch von Denise,
dass die Folie mit dem Butterblock schön eingestrichen
werden kann. Mihaiela weinte nicht beim Anblick der Fische,
sondern beim Hacken der Zwiebeln – so entstand ein gemeinsames
Werk bereits zum Frühstück. Geschmeckt hat es allen
wunderbar. Somit hängt in der Folge die Leine auch am übernächsten
Segeltag über Bord. Bye-Bye ist mit beiden Händen
mit dem Backen eines Eierkuchens beschäftigt, als an
Deck der Ruf ertönt: „Ein Fisch hat angebissen“.
Stefan schaut mit den hellblauen Augen (die hellblausten,
die man sich vorstellen kann) unter Deck und meint nochmals: „Ein
Fisch hat angebissen“
Bye: „Dann zieh ihn einfach raus“.
Stefan: „Ja gut. Was soll ich denn mit ihm machen?“
Bye: „Dann drehst Du ihm den Kopf (Gring) um.“
Stefan: „Und wie soll ich das machen?“
Bye: „Du fasst das Maul und drückst nach hinten.“
Es wird sehr ruhig an Bord, wir segeln weiter, Bye ist mit
dem Eierkuchen beschäftigt. Mühsam müssen
die Zuckerknöllchen aus dem Teig genommen werden und
das geht nun wirklich nicht mit Fischgeruch an den Händen.
Die Zuckerstücke kamen durch nicht ganz abgetrocknete
Löffel indirekt in den Eierkuchenteig. Nun kommt Helmut
unter Deck und wäscht die Winschkurbel (massiver Stahl,
30 cm lang) vorsichtig neben Bye-Bye ab, damit nichts in
den Teig spritzt.
Nun wird Bye neugierig und ahnt es bereits, da ihm scheint,
eine Schuppe klebe am Ende: „Weshalb musst du die Winschkurbel
waschen?“
„Wir haben dem Fisch eins damit auf den Kopf gehauen“ antwortet
Helmut. „Mit dem grossen Ding auf den kleinen Fisch?“ fragte
Bye.
„Ja, das war so“, meinte Helmut: „Ich hab gehauen, aber
Stefan hat leider losgelassen und der Fisch war weg“. Noch
heute schüttelt sich Bye-Bye vor Lachen: „Eine so grosse
Kurbel für den kleinen Fisch, nur gut hatte Stefan die
Hände weggenommen, sonst wär's noch zu grossen
Verletzungen gekommen. Stefan als Fischfreund meint abschliessend: „Die
Makrele ist vom Leiden wenigsten befreit gewesen, sie ist
auf dem Rücken liegen geblieben“. Fazit dieses Fischzuges:
an Bord geholt, mit groben Mitteln erschlagen und dann im
Schreck der Beteiligten dem Fischhimmel, resp. der weiten
See überlassen.
Nun, es reicht diesmal für eine kleinere Fischmahlzeit
mit 4 Exemplaren, die wir gerecht als Vorspeise untereinander
teilten. Es fehlen diesmal eben die Exemplare aus einer „pirouette
de Mihaiela“.
Seekrankheit
Eine Erscheinung, die im eigentlichen Sinne keine Krankheit
ist, wie Helmut sich weise dazu äusserste, als sich
zwei Crewmitglieder durch die Schaukelei nicht mehr ganz
wohl fühlten. Gerade im Ärmelkanal scheint eine
Abhandlung zu diesem Thema sinnvoll, da hier der Seegang
doch etwas ruppiger werden kann.
Unwohlsein auf See stellt sich in vielen Formen dar. Da
werden gesprächige und lebensfrohe Naturen plötzlich
zu stillen, in sich gekehrten Geschöpfen, wobei die
Gesichtsfarbe tatsächlich über einen blassen Teint
bis zu einer grünen Farbe abweichen kann. Das beste
ist, sich aktiv mit der Übelkeit zu befassen. Steuern
bewirkt dabei Wunder, da es eine konzentrierte Arbeit an
der frischen Luft ist und so der gestörte Gleichgewichtssinn
wieder ins Lot kommt.
Falls Sie zu den glücklichen, seefesten SeglerInnen
gehören, hier ein Geheimtip: In der ersten Törnwoche
haben Sie bei gutem Seegang im inneren der Yacht unheimlich
viel Platz. Sie übernehmen die Navigation, alle Stunde
lässig eine Position eintragen und den Rest der Zeit
CD's geniessen, sich eine unterhaltsame Lektüre zu Gemüte
führen oder einfach die fehlenden Nachtstunden nachdösen.
Das Unvergesslichste jedoch ist schon mit einer guten Musik
im Ohr durch die Wellen zu reiten. Erstaunlich, wie die Wellen
mit tonnenschweren Yachten spielen! Das Rauschen, die harmonische
Bewegung, wenn der Steuermann seine Aufgabe mit Bravour bewältigt – das
ist ein Glücksgefühl ohnegleichen.
Wem das nicht vom ersten Tag an gelingt, darf sich das Segeln
nicht gleich vermiesen lassen. Es gibt da auch noch ein paar
wertvolle Hinweise, wie Seekrankheit eher vermieden werden
kann:
Nicht übermüdet und gestresst aus der Arbeitswelt
und Anfahrt noch am gleichen Abend in See stechen, oder man
möchte dabei die halbe Crew ab Bft 6 flach legen.
Kein oder nur mässig Alkohol geniessen, auch wenn das
gegen das gängig Seemansgarn geht. Vom Kaffee auf Tee
umsteigen und keine schweren, fetten Produkte zu sich nehmen.
Etwas trockenes Brot bei kleiner Übelkeit kauen. Apfelsäure
sollen zudem auch nicht alle gleich gut ertragen.
Eher bedenklich sind überdosierte Medikamentenschlucker.
Dann hängt die Crew apathisch herum, weil es Schlaumeier
gibt, die gleich Stugeron forte schlucken. Die Dinger sind
rezeptpflichtig und dreimal stärker als normale Stugeron,
die bereits schon müde machen können. Die Kleber
hinter den Ohren sind auch nicht ohne, vor allem wenn dann
noch ein paar Kleberli angehängt werden. Auch hier könnte
mit halben oder Viertelklebern die richtige Dosis gesucht
werden.
Nun hat das ganze noch eine überaus starke psychologisch
Komponente. Wer befürchtet, Seekrank zu werden, wird
es meist auch relativ rasch. Wer überzeugt ist, mit
den paar Schaukelbewegungen zurecht zu kommen, wird es viel
weniger erwischen. Erstaunlich war auf unserem Törn,
das ein Crewmitglied über eine Woche stiller war als
gewohnt und sich sein Freude am Hobby ernsthaft überlegte.
Hierbei ist sicher ein Anteil des ersten negativen Erlebnisses
mitschuldig, das schleichend weiterwirkt, ganz dem Motto: „Himmel,
wenn's mir nur nicht wieder schlecht wird“
Segeln beinhaltet einige Erfahrungskomponenten und dieses
Thema wird mit viel Erfahrung meistens individuell gelöst.
Wahrscheinlich sind folgende Stufen für neue HochseeseglerInnen
sinnvoll:
Bei aufkommender Übelkeit unter Deck, z.B. an der Karte,
früh genug frische Luft schnappen, evtl. ein halbes
Stugeron nehmen. Wenn es die Situation erlaubt, das Steuer übernehmen.
Ist das Stadium des way of no return erreicht, nicht allzu
lange leiden. Gezielter Besuch der Leeseite, nicht tragisch
nehmen und dann ein normal dosiertes Mittel gegen Seekrankheit
zu sich nehmen. So rasch wie möglich wieder aktiv steuern,
aber nicht, wenn nicht unbedingt notwendig unter Deck gehen
und weiter navigieren. Wenn die Wache zu Ende geht, unter
Deck gehen, rasch ausziehen, hinlegen und die Augen geschlossen
halten. Fairerweise bei der nächsten Wache wieder antreten.
Trost gibt's zu diesem Thema haufenweise:
Wer noch nicht Seekrank wurde, hat etwas verpasst.
Lord Nelson, einer der ganz grossen Seefahrer,war die ersten
drei Tage nie ansprechbar und blieb in seiner Kajüte,
da er sehr unter der Seekrankheit litt.
Keiner sollte zu diesem Thema überheblich sein, die
eigene Konstitution ist nicht bei jedem Törnbeginn gleich
und bekanntlich hat der Seegang verschiedene Stärken.
Nach etwa drei Tagen ist das Problem meist vorbei und beim
Landgang sind die Symptome ohnehin wie fortgeblasen.
Sind die Seebeine erst mal richtig gewachsen, dann kann
ein Aufenthalt bis zu drei Monaten an Land verbracht werden
und wie Untersuchen erwiesen, tritt die Seekrankheit auch
in den ersten Tagen danach nicht mehr auf. Also alle zwei
Monate einen Törn buchen ist somit ein ganz probates,
wenn auch ein noch eher unbekanntes Gegenmittel.
Mont St. Michel und Windjammer-Parade
Dieser Törn zeichnete sich zusätzlich durch ein
Finale wie bei einem gelungen Feuerwerk aus. Wir liessen
die Yacht durch die Charterfirma reinigen und hatten damit
einen Tag für einen unvergesslichen Ausflug zur Verfügung.
Helmut gehört der neuen Generation von Skippern an,
die nicht meinen, ein Törn sei erst erfolgreich abgeschlossen,
wenn das Schiff im Frondienst auf Hochglanz geputzt wurde.
Ideal war wiederum das Auto von Adi, das uns zum legendären
Mont St. Michel entführte. Schon von weitem erhebt sich
die Silouette aus der flachen Landschaft. Sie lässt
erahnen, was für ein faszinierendes Monument sich über
dem Felsen im Meer erhebt.
800 Jahre (ja, achthundert Jahre) wurde an diesem Meisterwerk
gebaut. Verbunden mit seiner Geschichte gehört das Werk
zu den Heiligtümern Frankreichs und zu den Wundern des
Abendlandes. Der Touristenstrom innerhalb der Mauern ist
zwar gross und am Anfang im unteren Teil reiht sich Souvenirshop
an Souvernirshop und Verpflegungsstände. So erfährt
die wahre Pracht beim ersten Eindruck einen echten Dämpfer.
Spätestens ab der inneren grossen Treppe packt einem
die Faszination diese einmaligen Bauwerks, gekrönt auf
der Kuppel vom Erzengel St. Michael, Bezwinger des Satans.
Eine weitere Faszination ist das von den Gezeigten geprägte
Umgebungsbild. Bei Ebbe schweift der Blick kilometerweit über
Sandflächen, die auch an bestimmten Stellen tückisch
sind und Mensch und Tier runterziehen können. Und dann
setzt wieder die Flut ein, mit einer Geschwindigkeit von
20 km/h, um bei Hochwasser die Zinnen von Mont St. Michel
zu umspülen.
Im Verlauf des Nachmittags waren wir wieder in Saint-Malo
und wir erlebten die Stadt im Windjammerfieber. Die schönsten
Tall Ships waren zu einer Demonstration der Schönheit
und Eleganz der alten Segler zusammengekommen. Captain Bye-Bye
erhielt ein spezielles Besuchsrecht auf der Sorlandet, ein
Windjammer aus Norwegen. Als ehemaliger Trainee der Sorlandet
konnte Bye-Bye wieder mal am grossen Rad stehen, seine Augen
gingen in die Takellage und erinnerten sich an das Klettern
in den Wanten. Ein weiterer Höhepunkt war die Schleusenfahrt
der Krusenstern. Zwei Schlepper waren beschäftigt, das
riesige Schiff, einer der letzten verbliebenen Viermaster,
in die Schleuse zu ziehen. Obwohl der eine Schlepper unter
Vollgas zog, driftete die schwarze Bordwand seitwärts
in Zeitlupe auf die Quaimauer zu. Das Knirschen der Fender
war ein hässliches Geräusch und es wurde beim Zuhören
klar, was für Tonnagen und Kräfte hier an die Schleusenmauer
drückten.
Die Kadetten enterten die Wanten und standen beim Auslaufen
auf den Rahen stramm, begleitet von einem Hupkonzert von
hunderten von Schiffen. Schön, einfach wunderschön.
Rückfahrt
Die guten Törns enden jeweils viel zu schnell. So ging
es auch uns. Dass die Rückfahrt aber zusätzliche
Seiten füllen könnte, das erahnten wir noch nicht.
Ein paar Fahrten waren nötig, um das Gepäck und
die Freunde zum Bahnhof zu bringen. Grosser Abschied, allein
mit dem Törntreff-Eintrag in der Agenda, machen sich
Adi und Bye-Bye mit dem Chrysler auf die Rückfahrt.
Zuerst muss getankt werden, das dauert mit ein paar Verirrungen
so gute 50 Minuten. Im Ring um Paris herum verpassen die
beiden die südliche Abfahrt. Noch mal kurz auftanken
und dann fahren die verirrten Segler mit dem GPS, den sich
Adi in Südengland gekauft hat, sauber SE, um die Autobahnauffahrt
wieder zu finden.
Natürlich haben sie am Autofahren mit GPS einen Riesenplausch.
Auch versuchen sie dem TGV mit 200 km/h zu folgen, der rauscht
aber eindeutig schneller. Es könnte sein, dass die TGV-Verfolgung
ein paar Liter Benzin mehr kostet. Sehr, sehr kostbares Benzin.
So auf der Höhe von Besancon macht Bye-Bye Adi auf die
relativ leere Tankanzeige aufmerksam. Aber als Motwägeler
der Schweizer Armee kennt Adi nichts, greift zum Taschenrechner
und lehnt ab, weil er BP ab der nächsten Säule
tanken möchte. Wem die Aral-Werbung bekannt ist, weiss,
was da kommen wird. Ja, so war es, etwa 50 Meter vor einer
Zahlstelle spuckt der Motor zum ersten Mal, dann kommt der
Aussetzer ziemlich rasch und es bleibt ein elegantes Ausrollen
mit Blinker rechts bis zum Pannenstreifen, 15 Meter vor der „Payage“.
Genau auf 47Grad 25,4 N und 06 Grad 40, 2 E, beim Logstand
472 km, um 17 Uhr 49. Der Logstand lässt vermuten, dass
da ein paar Liter von der Tempobolzerei fehlten.
Oh la la! Adi hat prima Zeit sich zu rasieren, bis nach
etwa einer Stunde Hilfe naht. Diese kommt von einer Seitenstrasse
zur Zahlstelle. Ein Pannenhelfer erscheint mit einem 10 Literkanister.
Nachdem etwa 1 Liter dank fehlendem Trichter verschüttet
wird, kann mit den restlichen 9 Litern wieder gestartet werden
und die nächste Tankstelle wird mit dem Pannenhelfer
auf eigenen Rädern erreicht. Die 9 Liter kosten 486
FF, so Fr. 13.50 pro Liter. So kann man teuer tanken, aber
Adi und Bye-Bye fragen dann doch ganz ruhig eine Dame, die
sich dem Pannenhelfer mit brennender Zigarette nähert,
als wir am kompletten auftanken sind, ob sich Benzin und
brennende Zigaretten wirklich so gut vertragen. Nun, in einem
Film hätten wir das richtige Sujet für einen blow
up abgegeben, aber uns war nun eher nach einem Filmwechsel
auf normales Weiterkommen. Die Lady ging verständnisvoll
auf Distanz und wir können tatsächlich wieder mal
fahren. Gegen Abend kommen wir doch noch an die Schweizer
Grenze. Die Standardfrage erklingt: „etwas zu verzollen“ und
Adi verneint mit: „nur ein Haufen dreckige Segelkleider“.
Das führt zu einem halbstündigem intensiven Seglergespräch
am Zoll, nachdem Adi den Motor abgestellt hat und der Zöllner
den Verkehr über seine Kollegen leitet. Leider ist das
nicht gerade förderlich für die Zugsverbindung
für Bye-Bye ab Basel, aber intensive Segelgespräche
haben natürlich Vorrang. Nach herzlichem good bye mit
Adi realisiert Bye im anfahrenden Zug, dass er das Ticket
nicht hätte bis Zürich lösen müssen,
da die Rückfahrkarte ab Basel bereits durch das Gruppenticket
gültig war. Dabei merkt er noch zusätzlich, dass
die restliche Crew nur eine halbe Stunde später ab Basel
abfahren wird.
Es war im Nachhinein an der Messe in Friedrichshafen äusserst
amüsant zu hören, dass auch die Zugreisenden ihre „special-adventures“ hatten.
Mihaiela schärfte allen mehrmals ein, wie der Zugwechsel
in Rennes zu verlaufen habe. Sie gab allen Perron, Wagen-
und Sitznummern bekannt. Wahrscheinlich eine kleine Vorahnung,
denn ausgerechnet Mihaiela schaffte es nicht, bei Abfahrt
des TGV's im Zug zu sein. Kaum vorstellbar, die Sorgen, die
sich Valentin dabei machte. Die Crew hatte dann noch die Überzeugungsaufgabe
dem Schaffner zu erklären, dass sie ohne Tickets seien.
Mihaiela bestieg einen parallel nach Paris fahrenden TGV
und hatte natürlich mit so vielen Tickets keinen allzugrossen
Erklärungsbedarf. Ende gut, dank Funkverbindungen zwischen
den TGV's konnte die unter alleiniger Flagge fahrende Mihaiela
in Paris wieder in die Crew integriert werden. OH LA LA!
Somit fanden alle wieder das eigene Zuhause und tauschten
nach zwei Wochen das intensive Seglerleben gegen das eher
ruhige Alltagsleben. |